Paperworks von John Gerard

John Gerard, ein amerikanischer Künstler und Papiermacher, eröffnete erstmals 1985 in Berlin seine Papierwerkstatt. Zu seinem Anliegen gehörte es, handgeschöpftes Papier und Papierbrei als Medium den Künstlern vorzustellen. Er möchte zeigen, daß Papier nicht allein Träger eines Bildes, sondern das Bild selbst sein kann.

Wichtigster Ausgangspunkt für sein Wirken ist die außergewöhnliche Verbindung zu Papier. Kreativer und experimenteller Umgang mit diesem Medium bedeutet für John Gerard nicht nur künstlerischen Eingriff in den Schöpfungsvorgang oder Verarbeitung bereits vorhandener Papiere durch Reißen, Collagieren und andere Techniken. Seine Auseinandersetzung mit dem Material beginnt auf elementarster Ebene – bei der Papierfaser selbst. Beschaffenheit und Eigenschaft des Faserstoffes sind Ausgangspunkte konzeptioneller Überlegungen für seine Schöpfungen. Verbunden mit weitreichenden historischen und technologischen Kenntnissen und Erfahrungen sowie handwerklich-technischer Perfektion bilden sie die Basiselemente seines Schaffens. Der Blattbildungsprozeß, in der industriellen Papierherstellung ein hoch-technisierter Vorgang, ist für Gerard ein kreatives Wirkungsfeld, in dem er sich innovativ bewegt. In dieser komplexen Sicht und Nutzung des Papiers als facettenreiche Ausdrucksmöglichkeit unterscheidet sich Gerard von anderen Papierkünstlern.

Gerards Arbeiten entwickeln sich von innen heraus. Materialbezogenen Sensibilität, Disziplin und Gründlichkeit im Herstellungsprozeß sind für ihn ebenso wesentlich wie die Anwendung traditioneller und die Entwicklung neuer künstlerischer Techniken (Einschließen von Materialien, Malen mit Faserbrei, Papiergüsse, Schöpfen mit Schablone u.a.) Die Möglichkeit, die der Faserstoff bietet, insbesondere sein Fließeigenschaften und haptischen Qualitäten, nutzt Gerard in seinem ideenreichen Wirken überzeugend aus. Die Grenzen des Materials werden systematisch ausgelotet und experimentell probiert. Das Thema „Papierschöpfungen“ nimmt so in einem stufenweisen Prozeß farblich und stoffliche Gestalt an. Mit diesem Ansatz gelang es ihm vor allem bei den buchorientierten Arbeiten immer wieder, Inhalt und Form, künstlerischen Gehalt und Gebrauchsfähigkeit auf hoher Ebene zu verbinden. Variationen im Umfang, Form, Farbigkeit, handwerklich-technischer Verarbeitung und künstlerischer Gestaltung scheinen dabei unerschöpflich.

Neben den Künstlerbüchern, die den Schwerpunkt in Gerards Werk bilden, richten sich seine Aktivitäten mit Collagen und Objekten auch auf den freien papierkünstlerischen Bereich. Die Grenzen zwischen beiden Wirkungsfeldern sind fließend. Klare Ordnungsprinzipien, Experimentierfreude und meditative Wirkung sind Elemente, die sich in den Arbeiten gleichermaßen finden.

Mit einer Reihe von Techniken, die er zum Teil in Amerika erlernt, variiert oder selbst entwickelt hat, bietet John Gerard in seiner Werkstatt eine breites Experimentierfeld. In gemeinsamen Buchprojekten mit verschiedenen Künstler fanden diese Techniken Anwendung. Gerards Wirken dabei geht über die Vermittlung besonderer Papiertechniken weit hinaus. Zumeist begleitet er den gesamten Entstehungsprozeß von der Auswahl der Rohstoffe für das Papier über das Schöpfen und Gestalten der Bogen bis hin zur Typographie, Druck und Einband. Dabei gelingt es ihm sich in einfühlsamer Weise auf die Thematik der Editionen einzulassen. Gedanken und Gefühle, die Lyriker im Wort festschreiben, finden in Gerards Papierschöpfungen bildhafte Umsetzungen.

In seinen Büchern und Leporellos erreicht Gerard die Trennung von Papier und Inhalt aufzuheben. Das was früher lediglich Beschreibstoff war, wird mit Gerard zu Ausdrucksträger. Gerard über seinen Werkstoff Papier: Seine vielfältigen Stärken, Strukturen und Oberflächen, seine Fähigkeit subtile Farbnuancen aufzunehmen und wiederzugeben sowie seine unverwechselbaren haptischen Qualitäten sind integrale Bestandteile meines Werkes. Text und Illustration stehen sich nicht mehr gegenüber, sonder werden zusammen wahrgenommen.

John Gerard, Jahrgang 1955, lebt seit zehn Jahren in der Nähe von Bonn und hat inzwischen über 60 Bücher, alles bibliophile Handpressendrucke, mit verschiedene Künstlern, Malern, Schriftstellern in kleinen Auflagen hergestellt..


Teile dieses Artikels wurden entnommen aus:

Zeitschrift für Bibliothekswesen und Bibliographie 2/98, Heft 2, März April 1998, Seiten 197-8, Artikel von Klaus-Dieter Lehmann

© John Gerard
www.gerard-paperworks.com